Informiert im Gesundheitswesen

Seltene Krankheiten – Freipass für exorbitante Preise

Fotolia_87084157_XSDer Journalist Urs P. Gasche verlangte Einsicht in die Zulassungsunterlagen für das sehr teure Krebsmedikament Folotyn. Swissmedic verweigerte ihm diese mit dem Hinweis auf das Geschäftsgeheimnis der Herstellerfirma. Gasche zog vor Gericht und erhielt nun vom Bundesverwaltungsgericht recht. Es bestehe ein öffentliches Interesse an dem Medikament bzw. an der Begründung für dessen Zulassung.

In der Tat! Die Therapie mit acht Infusionen kostet 77‘000 Franken. Und dies ohne Nachweis, dass sie das Leben der Krebspatienten verlängert oder auch nur erleichtert. Da fragt man sich schon, warum Swissmedic dieses Medikament zulässt, wo dieselbe Behörde sonst selbst bei einer Adressänderung akribischen administrativen Aufwand betreibt. Die Antwort ist bezeichnend und zeigt, worauf wir im Gesundheitswesen zusteuern. Es handle sich um eine seltene Krankheit (weil das Medikament bei einer seltenen Krebsart eingesetzt wird), hiess es bei Swissmedic, und ausserdem habe die FDA das Medikament ebenfalls zugelassen.

Damit sind wir beim Punkt, auf den die Redaktion von 3-min.info schon mehrfach hingewiesen hat. Die Preise von allgemein gebräuchlichen Medikamenten werden vom Staat rigoros und ohne Rücksicht auf Verluste gesenkt. Die Verkaufspreise liegen häufig im tiefen Frankenbereich, der durchschnittliche Ex-Factory-Preis liegt bei 27 Franken, und trotzdem schreien alle, Medikamente seien generell zu teuer. Bei den «seltenen Krankheiten» müssen die Herstellerfirmen offenbar nicht einmal nachweisen, dass ihr Produkt wirkt. Die Angst vor dem Vorwurf der Unmenschlichkeit scheint ein wirksames Druckmittel zu sein. Man lese die Argumentation von «Selbsthilfegruppen», hinter denen ohne viel Detektivarbeit die Herstellerfirmen ausgemacht werden können. Und die Herstellerfirmen werden dieses Feld noch intensiver beackern. Sie kompensieren damit den unrentablen Bereich der «gewöhnlichen» Medikamente. Die masslosen staatlichen Preissenkungsrunden fördern die Entwicklung hin zu lukrativen Medikamenten gegen «seltene Krankheiten» weiterhin. Also sagt man sich beim Hersteller, finde eine Krebszelle, die etwas ungewöhnlich aussieht, und erkläre den Tumor zur Seltenheit. Schon ist eine weitere «seltene Krankheit» geboren. Das Konzept funktioniert. Nicht Betroffene werden es nicht wagen, kritische Fragen zu stellen, und die Patienten klammern sich verständlicherweise an jede Hoffnung und erwarten, dass die allgemeine Krankenversicherung die Kosten übernimmt.

Es wird Zeit, dass Gesundheitsminister, Preisüberwacher, Patienten- und Konsumentenschützer und wer sonst noch alles das Heil in Minimalpreisen für das Gros der Medikamente sieht, beginnen zu differenzieren. Es könnte sonst sein, dass bewährte, wirksame und breit eingesetzte Medikamente vom Markt verschwinden, weil sie nicht mehr rentieren und das Budget von einigen wenigen, exorbitant teuren Produkten gegen «seltene Krankheiten» ausgehöhlt wird.

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standard/Mehr-Transparenz-bei-teurem-Medikament/story/31951455

10. März 2016

Foto © schinsilord Fotolia.com

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